Mein erstes Mal „Cube of truth“

Was ist der Cube of truth?

Zugegeben, ich war mal wieder spät dran, diese neue Form der Demonstration zu entdecken. Denn genau das ist der Cube of Truth-eine Demonstration, wenn auch eine eher stille. Denn hier werden keine Parolen gerufen oder Schilder in der Luft herumgeschwenkt. Beim Cube tragen die Teilnehmer alle schwarze Kleidung. Die Teilnehmer, die im Cube stehen, tragen zusätzlich Masken-nicht um sich dahinter zu verstecken, sondern um einerseits Zuschauer auf sich aufmerksam zu machen und zum Anderen, damit sich Interessierte näher an das Informationsmaterial herantrauen. Informationsmaterial, das sind Bildschirme, auf denen Videos laufen mit Szenen aus Massentierhaltungbetrieben und ähnlichen Bildern. Die Teilnehmer, die nicht im Cube stehen, gehen auf Interessierte zu und suchen das (wertschätzende und aufklärende) Gespräch. Soweit zum Konzept des Cube of truth.

Wie es ist, im Cube zu stehen

Nachdem ich eine Woche zuvor beim Cube of truth in Bremen vorbeischaute, um mir erstmal ein Bild zu machen, stand ich am letzten Wochenende zum ersten Mal selber im Cube (jupps, ich bin die Blonde auf dem Foto, die man mit der Maske von hinten sieht). Ich hatte mich für das erste Mal bewusst entschieden, im Cube zu stehen und nicht außerhalb, weil ich erstens nicht so recht wusste, wie ich Gespräche über das Thema Veganismus und Tierquälerei führen kann, ohne emotional zu reagieren. Zweitens wollte ich die Reaktionen der Menschen beobachten, denn ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wie die Interessenten reagieren  würden. Ich hatte tatsächlich die Befürchtung, dass es viele aggressive und unangenehmen Begegnungen geben würde. Drittens fand ich die Vorstellung reizvoll, drei Stunden schweigend in der Innenstadt zu stehen und einfach mal zu beobachten.

Nachdem ich schon total aufgeregt auf dem Marktplatz ankam, ging es dann los. Ich schnappte mir zuerst ein Schild und eine Maske und stellte mich in die Formation. Und dann ging es direkt los: ich war sehr froh, dass ich eine Maske trug, denn die erste Stunde hab ich komplett durchgeheult. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Die Gründe dafür waren verschieden. Denn obwohl ich in der Formation des Cube of truth ja nicht die Bilder auf den Monitoren sehen konnte, wusste ich natürlich genau, was dort zu sehen ist. Und im Allgemeinen achte ich darauf, mich nicht dauerhaft mit solchen Szenen zu beschäftigen, weil ich weiß, dass mich das sehr runterziehen kann und mich handlungsunfähig macht. Aber in diesem Moment hatte ich das Gefühl, mittendrin zu sein. Ich hätte jederzeit den Cube verlassen können, aber ich hatte garnicht das Verlangen danach.

Die Reaktionen

Der zweite Grund waren die Reaktionen der Menschen. Diese konnte ich für mich an diesem Tag ungefähr in drei Kategorien einteilen. Die ersten warfen einen flüchtigen Blick auf die Monitore und liefen schnell weiter, damit sie sich jetzt nicht damit beschäftigen müssen. Und das ist zwar schade, aber vollkommen ok. Ich selber hatte viele Jahre die Augen vor dem Leid verschlossen und wollte damit garnichts zu tun haben. Ich brauchte einfach noch ein paar Jahre, um mich damit auseinander zu setzen. Die zweite Kategorie waren Menschen, die sich wahrscheinlich schonmal damit beschäftigt hatten und stehen blieben und interessiert, aber trotzdem sehr ernst das Bildmaterial betrachteten.

Die dritte Kategorie hat mich am meisten mitgenommen: Menschen, die bisher vielleicht vermieden hatten, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und gerade an dem Tag zu der Zeit entschieden hatten, nicht mehr wegzusehen. Während sie auf die Monitore schauten, veränderte sich der Gesichtsausdruck von Nervosität über Nicht-Glauben-Wollen bis hin zu Fassungslosigkeit und am Ende: Erkenntnis. Ganz bestimmt sind nicht alle, die an diesem Tag beim Cube of truth zugesehen haben, sofort am nächsten Tag vegan geworden. Und darum geht es auch garnicht. Klar, wäre es schön, wenn jeder Mensch sich entschließen würde, vegan zu leben. Aber am wichtigsten ist das Hinsehen, was tatsächlich zu jeder Zeit auf der Welt passiert. Man kann den Tod und den Schmerz eines jeden Lebewesens nicht schön reden. Und ich bin dankbar für jeden, der an diesem Tag entscheiden hat, hinzusehen.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass dies meine ganz eigenen Eindrücke des Tages sind und ich natürlich keine Gedanken lesen kann. Aber wenn man drei Stunden schweigend in der vollen City steht, macht man sich schon zwei Gedanken mehr als sonst, wenn man abgelenkt durch alles Mögliche ist.

Fazit zum Cube of truth

Während ich im Cube stand, konnte ich das ein oder andere Gespräch mit anhören und war sehr beeindruckt, was für wertschätzende und wertvolle Gespräche stattfanden. Ein Aspekt des Cube of truth ist es, Interessierten eher Fragen zu stellen als ihnen Fakten und Vorwürfe entgegen zu schleudern. Die Gemeinschaft von Anonymous for the Voiceless, die den Cube organisiert, ist für mich eine sehr angenehmen und offene Gemeinschaft, in der jeder herzlich aufgenommen wird. Wer beim Cube teilnehmen möchte, kann einfach vorbeikommen und mitmachen. Die Atmosphäre beim Cube of truth ist ruhig und wirkt eher wie eine künstlicherische Mahnwache als eine typische Demo. Ich werde auf jeden Fall noch öfter dabei sein und hoffe, dass ich beim nächsten mal ein trockenes Gesicht behalte:-)

Wer an der Veranstaltung interessiert ist, googlet einfach mal nach „Cube of truth“ oder „Anonymous for the voiceless“ in seiner Stadt. Hier in Bremen findet der Cube in der nächsten Zeit fast jede Woche statt. Und je mehr Menschen dabei sind, desto größer wird die erzielte Aufmerksamkeit.

Lokah Samastah Sukhino Bhavantu- Mögen alle Lebewesen überall glücklich und frei sein. Mögen meine Taten, Gedanken und Worte in einer Form zum Glück und Freiheit aller beitragen.

Eure Jenny

 

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